Volksschauspiele. Dimensionen eines Phänomens

Im Laufe der vergangenen zweieinhalb Jahrhunderte ist sehr vieles als Volksschauspiel oder Volksstück bezeichnet worden: patriotisches Nationaltheater und militärisches Propagandastück im späten 18. Jahrhundert, katholisches Heiligenspiel, weihnachtliches Stubenspiel, Ritterspektakel oder Passionsspiel im 19. Jahrhundert, Massenfestspiel, Volksspiel, Arbeitertheater, Agit-Prop oder sozialkritisches Theater im 20. Jahrhundert. Es gibt wohl kaum ein literarisches und mediales Genre, das sich auf so unterschiedliche Bereiche erstrecken kann.

In der Regel wird der Begriff des Volksschauspiels auf Herders Volkspoesie-Konzept zurückgeführt („Von deutscher Art und Kunst“, 1773). Doch Herder sprach nie von Volkstheater, sondern von Volksliedern. So werden es um die Mitte des 19. Jahrhunderts denn auch Volksliedsammeler sein, die Volksschauspiele zu sammeln beginnen. Doch Bühnendichter bezeichnen ihre Dramen schon ab dem späten 18. Jahrhundert als Volksschauspiele.

Seit den 1970er Jahren sind kaum mehr substantielle Forschungsarbeiten zum Volksschauspiel erschienen. Das liegt wohl am schwierigen Begriff des „Volkes“, der sich im Volksschauspiel mit Drama und Theater verknüpft. Bertolt Brecht schreibt um 1940 seine poetologischen Überlegungen zum Volksstück nieder, während zur gleichen Zeit die Gattung vom Nationalsozialismus vereinnahmt wird.

Das Vorhaben gliedert sich in drei Teile. Teil I rekonstruiert den Vorlauf im späten 18. Jahrhundert und zeigt, dass Herder zwar wichtig für das Konzept der Volkspoesie ist, für spätere Konturierungen des Volksschauspiels aber weitgehend folgenlos bleibt. Teil II befasst sich mit der Gattung des Bauernspiels, das im frühen 19. Jahrhundert bisweilen die Rolle einer volkspoetischen dramatischen Leitgattung übernimmt und zugleich wichtige Aspekte vorzeichnet, die später dem Volksschauspiel zugeschrieben werden. Die Kulturtechniken des Sammelns und Edierens spielen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine eminente Rolle bei der Figuration von Volksschauspielen. Gerade die in dieser Zeit gesammelten Spiele zeigen aller behaupteten Autochthonie zum Trotz sehr deutliche Einflüsse aus der Dramatik der Frühen Neuzeit. Ab etwa 1880 deklarieren Dramatiker auffallend häufig ihre Werke als Volksstücke und Volksschauspiele. Eng verwoben ist das Volksschauspiel im späten 18. und im 19. Jahrhundert mit dem Konzept der Nation. Teil III widmet sich drei exemplarischen Fallstudien: der Konstruktion des „deutschen“ und des „Tiroler“ Volksschauspiels durch Josef Nadler, Hans Moser, Robert Stumpfl und Anton Dörrer, dem sogenannten Neuen Volksstück der 1960er bis 1980er Jahre (Marieluise Fleißer, Fritz Hochwälder, Franz Xaver Kroetz, Peter Turrini u.v.a.) und der Konstruktion der „Alt-Wiener Volkskomödie“ ab etwa 1950 vor allem durch Otto Rommel.

In der Volksschauspielforschung haben sich bisweilen trennscharfe Unterscheidungen zwischen „Volksstück“ und „Volksschauspiel“ etabliert (vgl. zuletzt die Beiträge von Hermann Bausinger, Walter Puchner, Jan-Dirk Müller u.a. in der „Enzyklopädie des Märchens“, Bd. 14, 2014 oder die vierbändige Ausgabe Volksschauspiele von Karl Konrad Polheim und Stefan Schröder, 2000-2004). Solchen Unterscheidungen gegenüber steht die Beobachtung, dass in Theaterpraxis, Kritik und Theorie die Begriffe immer auch synonymisch verwendet werden. Auch aus diesem Grunde macht es sich die Arbeit zum Anspruch, sämtliche Stränge in Rezeption und Produktion synoptisch zu betrachten und nicht – wie die bisherische Forschung – einzelne ästhetische, ideologische oder disziplinäre Traditionslinien zu isolieren.

Die Arbeit „Volksschauspiele“ war von 2013 bis 2015 ein Teilprojekt in dem vom Europäischen Forschungsrat geförderten Forschungsprojekt >>"DramaNet - Early Modern European Drama and the Cultural Net" (Leitung Prof. Dr. Joachim Küpper) am Peter Szondi-Insitut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin und wird im Laufe des Jahres 2017 abgeschlossen sein.

© Bernhart 2017